Von der Trinkkur zum Trinkgenuss
Schon seit Jahrhunderten weiß die Menschheit, dass Wasser gesund ist – jedoch vergisst sie viel zu häufig darauf, auch genügend gesundes Nass zu sich zu nehmen. Oder sie übertreibt es: Seit dem 16. Jahrhundert nämlich sind hierzulande sogenannte „Trinkkuren“ populär – etwa in Baden bei Wien, wo sich die Kurgäste täglich ausschließlich am gesunden Heilwasser laben. Mitunter auch mit etwas zu viel Enthusiasmus; denn damals war es keine Seltenheit, dass man auch bis zu 20 Liter (!) des Heilwassers zu sich nahm. Und das, obwohl die Mediziner schon in der Vergangenheit vor zu viel des Guten warnten: „Das Wasser wird gewöhnlich morgens nüchtern in Gaben von 60 bis 90 Gramm und in einer Gesamtquantität von 400 bis 1600 Gramm je nach der Wirkung und Krankheitsfall getrunken“, hieß es schon in Meyers Konversationslexikon aus dem Jahre 1889. Auch das Mischen – des mitunter etwas sauer schmeckenden Wassers – war damals recht beliebt: Da goss man schon gern ein bisschen Wein ins Wasser, um sich „gesund zu trinken“. Und wenn's regnete, war auch für Abhilfe gesorgt: Um die Gäste nicht im Regen stehen zu lassen, errichtet man große Trinkhallen, wo man sich im Trockenen am Wasser laben konnte.Auch heute wird das Wassertrinken groß geschrieben: „Trinken Sie mindestens drei Liter täglich!“ oder „Wer zu wenig Wasser zu sich nimmt, lebt gefährlich“ - Headlines dieser Art liest man mittlerweile regelmäßig in allen größeren Lifestyle-Magazinen. Doch was ist davon eigentlich zu halten? Im Grunde viel – denn die Aussagen stimmen; und das bekanntermaßen schon seit Jahrhunderten. Jedoch gilt es, nicht jedem „medialen Quacksalber“ zu glauben – sondern seinen individuellen Bedarf anzupassen.
Experten sind sich deshalb einig: Der tägliche Flüssigkeitsbedarf eines Erwachsenen liegt zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Litern – und hängt zusätzlich davon ab, wie schwer man ist und ob man Sport betreibt. Denn durch körperliche Aktivität steigt der Flüssigkeitsverlust und auch der Bedarf an Wasser enorm: Je nach Sportart schwankt dieser Wert zwischen einem halben Liter und drei Litern pro Stunde Bewegung.
Die Devise sollte deshalb lauten: Trinken bevor der Durst kommt, denn als Sportler will man keine Einbußen an Leistung in Kauf nehmen. Jedoch: Übertreiben sollte man das Wassertrinken zu guter Letzt auch nicht – sonst geht’s einem wie den Besuchern der Trinkhallen, die nach 20 Litern Heilwasser nicht als gesund entlassen wurden, sondern dem Medikus einen Besuch abstatten mussten...


